Ergebnisse aus dem Projekt VULKANO: Wie Katastrophen- und Notfallpläne vulnerable Gruppen besser schützen können
von Johanna Zweiger
Menschen mit Behinderung, Kinder, ältere Menschen, Personen mit Sprachbarrieren und weitere Bevölkerungsgruppen sind im Fall von Hochwasser, Hitzewellen, Blackouts und Co. besonders vulnerabel und sollten daher besonders geschützt werden. Ein Forschungsprojekt zeigt nun anhand von ausgewählten Best Practice-Beispielen auf, mit welchen Strategien das gelingen kann und wo noch Handlungsbedarf besteht. Ziel ist es, vulnerable Gruppen in Katastrophenschutz- und Notfallplänen auf lokaler Ebene noch stärker zu berücksichtigen.
Klimabedingte Katastrophen betreffen vulnerable Gruppen unverhältnismäßig stark – das war vor wenigen Wochen auch bei den verheerenden Bränden um Los Angeles der Fall. Einige der dortigen Todesopfer waren älter oder hatten körperliche Einschränkungen – sie konnten teilweise nicht schnell genug evakuiert werden. Obwohl die Region als Waldbrand-Hotspot gilt, fehlen umfassende Schutzpläne, die auch analysieren, welche Bevölkerungsgruppen besonders gefährdet sind.
In Österreich gibt es ebenfalls noch Luft nach oben – immerhin werden vulnerable Gruppen aktuell nicht einheitlich in die Vorsorge und Vorbereitung für den Katastrophenfall eingebunden. Systematisch erfasste Daten über ihre Bedürfnisse und Aufenthaltsorte fehlen oft, was durch Datenschutzbedenken und die Angst vor Stigmatisierung zusätzlich erschwert wird. Ebenso fehlen klare Strategien, um diese Personen – etwa Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen – in Krisensituationen effektiv zu erreichen. Außerdem gibt es Gesetzeslücken: Zwar muss jede Gemeinde einen Katastrophenschutzplan erstellen, private Betriebe wie Nahversorger bleiben aber oft außen vor und Schutzprojekte werden oft nicht langfristig finanziert.
Zusammenarbeit, Praxisnähe und zielgerichtete Kommunikation als Erfolgsfaktoren
Wie diese Herausforderungen gemeistert werden können, hat das vom Klima- und Energiefonds geförderte Forschungsprojekt VULKANO in den Jahren 2023 und 2024 unter der Leitung des Disaster Competence Network Austria (DCNA) analysiert. Zentrales Ergebnis des Projekts sind Steckbriefe zu 18 ausgewählten Best Practice-Beispielen, die innovative Ansätze auf Gemeinde-, Organisations- und Projektebene vorstellen. Außerdem hat das Projekt Erfolgsfaktoren erarbeitet, die bei Workshops – mit Vertreter:innen von vulnerablen Gruppen, KLAR! Regionen, Einsatzorganisationen sowie Behörden auf Bezirks- und Landesebene – diskutiert und validiert wurden.
„Vulnerable Gruppen müssen in der Katastrophenplanung stärker berücksichtigt werden. Das VULKANO-Projekt zeigt konkrete Wege auf, wie wir ihre Sicherheit und den Zugang zu Unterstützung verbessern können. Nur so schaffen wir eine effektivere und gerechtere Krisenbewältigung“
sagt DCNA-Geschäftsführer Christian Resch.
Die erarbeiteten Erfolgsfaktoren sind als Empfehlungen zu verstehen, um dies in der Praxis konkret umzusetzen:
- Einbindung und Zusammenarbeit: Damit Katastrophenschutzpläne erfolgreich umgesetzt werden können, müssen die relevanten Akteur:innen und Interessensvertretungen von Beginn an eingebunden sein. Durch diesen Beteiligungsprozess können die Interessen der betroffenen Gruppen besser berücksichtigt werden. Entscheidend ist, dass die verschiedenen Player wie etwa Gemeinden, Feuerwehr, Betreiberorganisationen mobiler Dienste oder Vertreter:innen von Pflegeeinrichtungen zusammenarbeiten.
- Übungen und Trainings: Durch regelmäßige Übungen und Trainings, bei denen vulnerable Gruppen eingebunden werden, können Katastrophenpläne praxistauglicher gemacht und Lücken und Probleme frühzeitig erkannt werden. Um die Aufgaben im Ernstfall gut verteilen zu können, hilft es, realistische Szenarien und darauf aufbauende Checklisten zu entwickeln.
- Zielgerichtete Kommunikation: Vielfältige Kommunikationskanäle – von Infoveranstaltungen und Printmedien, über Social Media bis hin zu Gemeindeaushängen – ermöglichen eine zielgruppengerechte Ansprache. „Einfache Sprache“ oder „Leichte Sprache“ und mehrsprachige Informationen unterstützen ebenfalls die Barrierefreiheit und fördern Inklusion. Multiplikator:innen wie etwa Pflegekräfte erleichtern zudem den Zugang zu schwer erreichbaren Zielgruppen.
- Informelles Wissen nutzbar machen: Gerade in kleineren Gemeinden verfügen langjährige Mitarbeiter:innen der Gemeinde oder Feuerwehr oft über umfangreiche Erfahrungen und großes Wissen über die Gegebenheiten vor Ort. Dieses Wissen schriftlich festzuhalten, macht es für zukünftige Generationen zugänglich. Auch das Sammeln und Darstellen wichtiger Informationen auf gedruckten Karten – etwa über Personen, die im Notfall Hilfe beim Verlassen ihres Hauses benötigen – erleichtert die Evakuierung in Notsituationen.
- Wissenschaft im Einsatz: In einigen Best Practice-Beispielen konnten wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt werden. Die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Expert:innen hilft dabei, Szenarien besser zu entwickeln und die Folgen genauer abzuschätzen.
VULKANO beleuchtet jedenfalls ein Thema, das bisher in der österreichischen Katastrophenforschung kaum beachtet wurde. Die Projektergebnisse hatten eine entsprechend große Resonanz und sind laufend bei Vorträgen oder Interviews gefragt. Für das DCNA wird dadurch klar, dass hier noch weitere Forschung notwendig sein wird, um sicherzustellen, dass vulnerable Gruppen tatsächlich bestmöglich vor Katastrophen und anderen Notfällen geschützt sind.
Behindertenrat: Vulnerable Gruppen überall und systematisch berücksichtigen
Für den Österreichischen Behindertenrat ist die Einbindung und Beachtung der Anforderungen von Menschen mit Behinderungen bei allen Formen der Vorbereitung auf Katastrophen essenziell. Katastrophen- und Notfallpläne werden Menschen mit Behinderungen erst dann schützen, wenn sie an der Erstellung der Pläne mitarbeiten und vulnerable Gruppen fixer Bestandteil der Überlegungen bei Planungen werden.
Manuela Lanzinger vom Österreichischen Behindertenrat:
„Das Projekt VULKANO zeigt, dass punktuell einige gute Lösungsansätze für inklusiven Katastrophenschutz bestehen. Diese Vorhaben sind jedoch leider lokal beschränkt. Menschen mit Behinderungen werden in ganz Österreich erst dann systematisch geschützt werden, wenn alle Bundesländer in ihren Katastrophenhilfegesetzen Vorgaben für inklusiven Katastrophenschutz machen. Ziel muss sein, dass vulnerable Gruppen in Katastrophenschutz- und Notfallplänen auf lokaler Ebene überall und systematisch berücksichtigt werden.“
Über VULKANO
Das vom Klima- und Energiefonds geförderte Projekt „VULKANO - Vulnerable Gruppen in der lokalen Katastrophen- und Notfallplanung“ (2023/2024) hatte zum Ziel, ein besseres Verständnis über die Rolle von vulnerablen Gruppen (u.a. Menschen mit Behinderung, ältere Menschen, Personen mit Sprachbarrieren, etc.) während klimabedingten Stress- und Störereignissen (u.a. Hochwasser, Hitzewellen, Blackout) zu erlangen. Dadurch sollen diese Gruppen in Notfall- und Katastrophenschutzplänen auf lokaler Ebene künftig stärker berücksichtigt werden. Mehr Informationen zum Projekt und den erstellten Steckbriefen unter https://www.klimafonds.gv.at/projekt/vulkano/.
Projektpartner:
- Disaster Competence Network Austria (Leitung)
- GeoSphere Austria
- Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Landschaftsplanung
- Umweltbundesamt
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